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Usain Bolt: Mit weniger Schritten leichtfüssiger zum Sieg

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Noch sind die aussergewöhnlichen Bilder vom 100m Final in bester Erinnerung. Aus dem Staunen kommt man kaum mehr heraus. Wie ist es möglich, dass ein Mann die übrigen Konkurrenten allesamt um einige Meter hinter sich lässt. Zwei Sportmediziner sind dem Rätsel nachgegangen und kamen zu überraschenden Schlüssen.

Der schnellste Mann der Welt Usain Bolt verdankt seinen Olympia-Sieg auch seiner Körperstatur. Der Ausnahmesprinter benötigt für den 100-Meter-Lauf weniger Schritte als seine Konkurrenten und gelangt dank einer verminderten „Steifigkeit“ seiner Bewegung leichtfüßiger ans Ziel, berichten Sportmediziner in der Fachzeitschrift „International Journal of Sports Medicine“

Mit 196 cm ist Usain Bolt der bisher größte Weltrekordhalter im 100-Meter-Sprint. Der Zweitplatzierte in London Yohan Blake (180 cm) und der dritte Justin Gatlin (183 cm) sind deutlich kleiner. Für den 100-Meter-Lauf benötigt Bolt im Durchschnitt nur 41 Schritte. Die nächstschnellsten Männer der Leichtathletik-Weltmeisterschaft von 2009 Tyson Gay und Asafa Powell brauchen vier Schritte mehr. Für Professor Ralph Beneke von der Philipps-Universität Marburg und Dr. Matthew Taylor von der University of Essex in England ist die ungewöhnliche Körperstatur eines der Geheimnisse des Ausnahmesprinters Usain Bolt. In einem mathematischen Modell haben sie die Biodynamik der drei Weltklasseläufer Bolt, Gay und Powell ausgerechnet. Sie stützen sich dabei auf Video-Teilzeitmessungen der 12. Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009, als die drei Sportler aufeinandertrafen. 

Danach erreichte Bolt auf dem Abschnitt zwischen 60 bis 80 Metern eine Schrittfrequenz von 4,49 pro Sekunde, deutlich weniger als Gay und Powell, die pro Sekunde 4,96 und 4,74 Mal den Boden berührten. Bolt berührt zwar seltener den Boden, jeder Bodenkontakt dauert jedoch länger als bei seinen Konkurrenten, nämlich 91 Millisekunden gegenüber 70 bei Gay und 80 bei Powell. Da außerdem der Körperschwerpunkt bei jedem Laufschritt deutlicher sinkt, Bolt ist ja größer als seine Konkurrenten, erreicht der Ausnahmesprinter nach einem Feder-Masse-Modell, das Beneke und Taylor ihren Berechnungen zugrunde legen, eine deutlich geringere „vertikale Steifigkeit“ (vertical stiffness) von 355,8 Kilonewton pro Meter gegenüber 541,8 und 457,0 Kilonewton pro Meter. Mit anderen Worten: Mit der gleichen Kraft wie seine Konkurrenten kann Bolt den Körper bei jedem Schritt weiter voran bringen. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen Beneke und Taylor, wenn sie die größere Beinlänge von Bolt den Berechnungen zugrunde legen: Auch die „Beinsteifigkeit“ ist mit 21,0 Kilonewton pro Meter geringer als bei Gay (31,0) und Powell (28,4).

Letztlich sind dies nur Modellberechnungen, schreiben die beiden Forscher. Am liebsten würden sie direkte Messungen an den Athleten durchführen. Die Chance, dass sie die Weltklasseläufer bei einem Wettbewerb verkabeln dürfen, schätzen sie allerdings als gering ein.

Auch der schnellste Mann der Welt benötigt trotz seiner begnadeten Körperstatur schon mal ärztliche Betreuung um erfolgreich zu sein. Mit den Worten „Er ist der beste Arzt der Welt“ bedankte sich Usain Bolt laut Medienberichten nach seinem Sieg beim Orthopäden und Thieme Autor Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Denn vor den Olympischen Spielen in London hatte sich der Weltrekordler wegen Rückenproblemen von Müller-Wohlfahrt behandeln lassen. „Ein Stück dieser Medaille geht auch nach Deutschland“, ergänzt Bolt. Der Orthopäde gibt sein Wissen im Thieme Fachbuch „Muskelverletzungen im Sport“ weiter.
Quelle:M.J. D. Taylor, R. Beneke
Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012

Letzte Aktualisierung ( 08.08.2012 )